HiFi kann kein echtes Stereo sein, solange die Zeitstrukturen des Schalls nicht mit übertragen werden. Das ist die Regel.
Das dabei regelmäßig verschenkte Potenzial echten, wirklichen Erlebens ist weit wertvoller — gerade weil es seltener ist — als teure Preise für komplette HiFi-Anlagen selbst.
Ein Qualitätsunterschied in der Wiedergabe liegt nicht primär
in „mehr“ oder „weniger“ Schallenergie.
Der entscheidende Unterschied liegt in der
zeitlichen Struktur des erzeugten Schalls.
Der Benchmark sind natürliche Schallereignisse,
die aus realen mechanischen Vorgängen entstehen:
- Jede Bewegung,
- jede Berührung,
- jede Materialreaktion
erzeugen neue Druckverläufe in der Luft.
So entsteht fortlaufend ein Schall-Update als Folge
realer physikalischer Zustandsänderungen
in unserem Wahrnehmungsumfeld.
Natürlicher Schall trägt eine hohe zeitliche Differenzierungsdichte:
ständig neue, aktualisierte und voneinander unterscheidbare
Mikro-Veränderungen im Druckverlauf der Luft.
Und genau diese zeitlichen Unterschiede braucht
unser Gehörsinn zur Raumrekonstruktion.
Entfernungen, Richtungen, Tiefenstaffelung und Ereignisorte
entstehen aus Laufzeitunterschieden und zeitlicher Staffelung.
Natürlicher Schall ist kein durchgehender „Klangteppich“,
sondern eine Abfolge unzähliger Mikro-Ereignisse.
Die Luft wird nicht „beschallt“,
sie wird fortlaufend neu in Bewegung versetzt.
Wird diese zeitliche Differenzierung reduziert,
wird auch die räumliche Information reduziert.
HiFi-Wiedergabe muss dagegen
mit elektrisch rekonstruierten Signalverläufen arbeiten,
die durch die gesamte Gerätekette hindurch typischerweise
zeitlich geglättet, energetisch gemittelt und strukturell verformt werden.
Nicht weil Ingenieure unfähig wären.
Sondern weil die Gerätearchitekturen der Industrie
historisch nicht auf die Erhaltung dieser zeitlichen Mikrostruktur ausgelegt wurden.
Das Ergebnis ist kein fehlender Schall,
sondern zeitlich weniger fein differenzierter Schall.
Und genau das ist entscheidend für unseren Gehörsinn,
der diese feineren zeitlichen Unterschiede zur Raumwahrnehmung
nutzen würde, sie hier jedoch nicht vorfindet.
Der entscheidende Punkt:
Die Schallgeschwindigkeit ist konstant.
Aber unterschiedliche Entstehungsorte realer Ereignisse
erzeugen feinste Laufzeitunterschiede.
Ein Konzertsaal besteht aus unzähligen gleichzeitigen Ereignisquellen:
Instrumente, Reflexionen, Nebengeräusche, Bewegungen.
- Jede Quelle hat einen anderen Weg.
- Jeder Weg hat eine andere Laufzeit zu beiden Ohren.
- Jede Laufzeit trägt räumliche Information über Richtung, Entfernung und Staffelung.
Diese zeitlichen Staffelungen treffen fortlaufend an beiden Ohren ein —
und unser Gehör rekonstruiert daraus einen ständig aktualisierten Umgebungsraum.
Intuitiv.
Genau so hören wir die reale Welt.
Die Wiedergabe müsste daher nicht „Klang“ übertragen,
sondern die zeitliche Staffelung sämtlicher Ereignisse im Schall selbst so differenziert erhalten,
dass unser Gehör daraus wieder ein plausibles Raumgeschehen rekonstruieren kann.
Und hier liegt das systemische HiFi-Defizit
— preisunabhängig.
HiFi erzeugt kontrollierte Schallenergie.
Aber die feinen zeitlichen Differenzierungen,
die für ein räumlich plausibles Erleben notwendig sind
und die unser Gehör erwartet,
werden nicht als primäres Qualitätskriterium behandelt.
Genau hier wird das Grundprinzip von Stereo konterkariert.
Stereo bedeutet ursprünglich,
räumliche Information über Laufzeitunterschiede zu übertragen.
Zwei Kanäle sind dabei kein Selbstzweck,
sondern ein Mittel zur Übertragung zeitlicher Raumstruktur.
Wenn jedoch die feinen zeitlichen Differenzierungen
im erzeugten Schall nicht erhalten bleiben,
werden zwar zwei Kanäle übertragen,
aber nicht mehr die zeitlichen Strukturen,
aus denen unser Gehör Raum berechnet.
Damit bleibt Stereo formal erhalten,
wird funktional jedoch unterlaufen.
Nicht aus Absicht.
Sondern weil die Zeitstruktur
nie als zentrales Qualitätskriterium definiert wurde.
Und das ist kein Zufall.
Die HiFi- und High-End-Branche hat die Zeitübertragung
nie als grundlegendes Maß für die Wiedergabetreue definiert.
Optimiert wurde Energie, Verzerrung, Frequenzgang, Dynamik —
nicht jedoch die zeitliche Differenzierungsfähigkeit der erzeugten Schallstruktur.
Damit bleibt ein zentrales Wahrnehmungskriterium unadressiert.
Rein funktional betrachtet sind HiFi-Produkte daher
nicht auf die vollständige Übertragung zeitlicher Raumstruktur ausgelegt.
Und hier liegt die eigentliche Konsequenz:
Alles, was Homo sapiens je hörte und heute hört,
ist Schall aus der Vergangenheit —
denn Schall breitet sich mit endlicher Geschwindigkeit aus.
Unsere Raumwahrnehmung basiert wesentlich auf dieser Zeitstruktur.
Wird sie nicht ausreichend übertragen,
wird auch das Raumgeschehen nur eingeschränkt übertragen.
Das ist keine Geschmacksfrage.
Das ist Biophysik.
Und genau hier liegt das strukturelle Defizit
der gesamten Branche: Der Denkfehler